Zurück

Carolin Wiedmann

Carolin Wiedmann ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Ernährungsmedizin. Seit Jahren beschäftigt sich Carolin mit gesunder, veganer Ernährung im Kindesalter. 

1. Warum hast du deine Leidenschaft zum Beruf gemacht?
Ich interessiere mich seit dem frühen Jugendalter für den menschlichen Körper, für seinen Aufbau und seine Funktionsweise, dafür, was ihn gesund hält und dafür, was ihn krank macht. Ich finde es faszinierend, wie groß der Einfluss unseres Lebensstils auf unser Wohlbefinden und unsere eigene Gesundheit, aber auch auf die Gesundheit unseres Planeten ist. Insbesondere die Ernährung hat großes Potential – in beide Richtungen: Sie kann uns müde, antriebslos und krank machen, sie kann uns aber auch Energie schenken, uns gesund erhalten, Krankheiten vorbeugen und teilweise sogar heilen. Wir können eine Ernährungsweise wählen, die die Ressourcen unseres Planten zerstört oder sie schont. Kinder- und Jugendmedizin ist in erster Linie Präventionsmedizin. Krankheiten vorzubeugen und die Gesundheit der Kinder zu erhalten und zu stärken ist eine der Hauptaufgaben von uns Kinderärzten. Als Kinderärztin und Ernährungsmedizinerin kann ich meiner Leidenschaft für die Lebensstil-Medizin und für gesunde Ernährung den ganzen Tag lang nachgehen und mit anderen Menschen teilen. Ich empfinde das als großes Privileg.

2. Gibt es eigene persönliche Projekte, an denen du gerade forschst?
Es gibt viele ernährungsbezogene Themen, die mich derzeit beschäftigen, darunter die Nährstoffversorgung von Kindern und Jugendlichen: Wir legen in unserer Praxis großen Wert auf umfassende Vorsorgeuntersuchungen und bestimmen unter anderem bei der Jugendvorsorge „J1“ diverse Parameter im Blut, darunter auch Marker des Eisenstoffwechsels, der Jodversorgung, des Vitamin-D-Status, der Schilddrüsen-Gesundheit und auch des Vitamin-B12-Stoffwechsels. Ich finde es interessant, dass wir relativ häufig Auffälligkeiten und Mangelzustände bei unseren Patienten finden, die sich ja überwiegend mischköstlich ernähren. Häufig werden die  erwähnten Nährstoffe als sog. „kritische Nährstoffe“ vor allem bei einer veganen Ernährungsweise genannt. Wir sehen aber, dass die Versorgung mit diesen wichtigen Mineralien und Vitaminen auch bei Mischköstlern oftmals unzureichend ist. Hier gibt es viel Aufklärungsbedarf, insbesondere wenn man bedenkt, dass eine gesunde Ernährung im Kindes- und Jugendalter die Basis für die Gesundheit im Erwachsenenalter legt.

3. Seit wann ernährst du dich pflanzlich und welcher Moment in deinem Leben hat dich dazu bewegt?
Mit 10 Jahren war ich im Rahmen eines Kindergeburtstages im Münchner „Mensch und Natur“-Museum und habe dort einen Film zur Massentierhaltung gesehen sowie Schlacht-Szenen von Schweinen. Nach dem Museum waren wir Pizza essen. Statt der sonst üblichen Salami-Pizza habe ich die Pizza Margharita genommen und auch danach nie wieder Fleisch oder Wurst angerührt. Auf eine rein pflanzliche Ernährung habe ich erst 16 Jahre später, im Januar 2011, umgestellt. Meine Schwester hatte sich davor umfassend zu veganer Ernährung informiert und wollte dann nach ihrer Ernährungsumstellung auch mich von der veganen Ernährung überzeugen. Vier Monate lang habe ich mich dagegen gesperrt, da ich überzeugt davon war, niemals ohne Käse leben zu können. Wie sich herausgestellt hat, konnte und kann ich das ganz hervorragend und bin jeden Tag dafür dankbar, diesen Schritt gegangen zu sein.

4. Wieso ist eine pflanzliche Ernährung so wichtig?
Wir wissen, dass eine überwiegend oder ausschließlich pflanzliche Ernährung, insofern sie gut geplant ist, das Potential hat, die Gesundheit zu erhalten und diverse Erkrankungen vorzubeugen und teilweise sogar zu heilen. Zu diesen Erkrankungen zählen insbesondere die sog. Volkskrankheiten, also Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas und einige Krebserkrankungen, die weltweit rasant zunehmen und nicht nur für viel individuelles Leid sorgen, sondern auch die Kosten der Gesundheitssysteme in die Höhe treiben. Zudem ist die industrielle Produktion tierischer Nahrungsmittel alles andere als nachhaltig, sie zerstört Ökosysteme, die Artenvielfalt und ist für einen beachtlichen Teil der anthropogenen CO2-Emissionen verantwortlich. Damit ist sie maßgeblich am Klimawandel beteiligt, welcher von der WHO als eine der 10 größten Gesundheitsbedrohungen für die Menschheit eingestuft wird. Und nicht zuletzt werden durch eine pflanzliche Ernährung unzählige sogenannte Nutztiere verschont, die oft unter grausamen Umständen gezüchtet, benutzt und getötet werden.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Carolin Wiedmann, MD (@plantpowerpediatrician)

5. Du hast ein Bundle „Super Sprouts“ für Health Bar kreiert, was war dir dabei wichtig?  
Ich habe die Rezepte mit Fokus auf Familien mit Kindern kreiert, die sich pflanzlich basiert ernähren. Eine pflanzliche Ernährungsweise kann in jedem Lebensalter durchgeführt werden, sollte aber insbesondere in Schwangerschaft, Stillzeit und im Kindesalter wirklich gut geplant sein, um dem erhöhten Nährstoffbedarf gerecht zu werden. Ich habe daher Gerichte kreiert, die ausgesprochen nährstoffdicht sind und möglichst viele der Nährstoffe beinhalten, die besonders im Wachstum wichtig sind, also zum Beispiel Eisen, Calcium, Zink, Provitamin-A, hochwertige Fette aus Nüssen und Samen sowie Protein. Auch Jod ist ein wichtiges, oft vergessenes Spurenelement, weshalb ich explizit Jodsalz in den Rezepten verwendet habe. Vitamin B12 muss bei einer veganen Ernährung immer noch zusätzlich supplementiert werden. Sicher kann man Gerichte wie zum Beispiel die Lasagne oder die Bolognese zum Beispiel mit mehr Öl oder Produkten wie veganem Käse oder veganer Sahne noch originalgetreuer kochen, was fraglos sehr lecker sein kann. Ich wollte aber in meinen Rezepten auf hochverarbeitete Produkte mit wenig Nährwert verzichten und zeigen, wie man auch mit vollwertigen Lebensmitteln leckere Gerichte kochen kann.

6. Welches ist dein Lieblingsrezept aus dem Bundle und warum?
Definitiv die Pfannkuchen aus gekeimten, roten Linsen. Ich liebe dieses Rezept, da es meiner Ansicht nach in perfekter Weise „gesund“ mit „lecker“ vereint. Ich kann mir vorstellen, dass sich auch Menschen, die sonst keine ausgesprochenen Hülsenfrüchte-Fans sind, für die Pfannkuchen begeistern können. Wenn sie ohne Salz zubereitet werden, können sie übrigens auch schon Säuglingen, die mit der Beikost angefangen haben, als protein- und eisenreiches Fingerfood gegeben werden. Ich selber liebe diese Pfannkuchen als leichtes und doch sättigendes Essen nach dem Work out. Seit ich dieses Rezept kreiert habe, gibt es bei mir mindestens einmal wöchentlich Rote-Linsen-Pfannkuchen, die Füllung kann man endlos variieren mit verschiedene Gemüsen, Soßen und Toppings.

7. Wie wird bereits bei Kindern ein Bewusstsein für gesunde und vegane Ernährung geschaffen?
Die Basis wird im Elternhaus gelegt. Kinder lernen durch Beobachten und Nachahmen. Wenn die Eltern ein Bewusstsein für eine gesunde Ernährung haben und sich selber (überwiegend) gesund ernähren, ist das eine gute Grundvoraussetzung, dass auch das Kind diese Gewohnheiten früher oder später übernehmen wird. Auch sehr hilfreich ist es, Kinder von klein auf mit einzubinden beim Essen einkaufen und zubereiten. Schon kleine Kinder können manche Aufgaben in der Küche übernehmen, was den meisten auch viel Spaß bereitet. Oft sind Kinder eher bereit, neue Gerichte zu probieren, an deren Zubereitung sie beteiligt waren. Essen ist außerdem eine soziale Angelegenheit und sowohl für die Entwicklung eines gesunden Essverhaltens als auch für das Familienleben sind regelmäßige gemeinsame Familienmahlzeiten wünschenswert.
Eltern sollten sich übrigens nicht davon entmutigen lassen, wenn ihr Kind phasenweise sehr selektiv und einseitig isst. Solche Phasen sind im Rahmen der Entwicklung normal und müssen, solange das Kind gesund ist und sich normal entwickelt, kein Anlass zur Sorge sein.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Carolin Wiedmann, MD (@plantpowerpediatrician)

8. Welche schlechten Ernährungsangewohnheiten beobachtest du am häufigsten bei Kindern und Jugendlichen?
Den meisten Kindern und Jugendlichen ist durchaus bewusst, wie eine gesunde Ernährung aussieht und wissen, dass Softdrinks, Süßigkeiten und Fastfood nur selten konsumiert werden sollten. Leider ist aber die Verfügbarkeit dieser Produkte sehr hoch, sei es das Fastfood-Restaurant 50 Meter vor dem Schulgebäude oder die Süßigkeiten- und Getränke-Automaten in der Schule. Dagegen ist das Angebot an gesunden Nahrungsmitteln leider im Vergleich oft ziemlich mickrig und auch die Speisepläne und Schulmensen sehen teilweise sehr unerfreulich aus. Da verwundert es dann auch nicht, wenn Kinder nicht so essen, wie wir uns das wünschen würden.

9. Was gibst du Kindern gern für die Zukunft mit auf den Weg?
„Geh deinen Weg und lass die Leute reden.“ (Dante Alighieri).
Und: Bleibe freundlich – zu anderen und vor allem zu dir selbst. Engagiere dich für das, was dir wichtig ist, bleibe dir treu und stehe zu einen Werten.

10. Du kochst besonders gern mit gekeimten Hülsenfrüchten und gekeimten Getreide. Kannst du uns die Vorteile von gekeimten Zutaten nennen und warum es sich lohnt zu keimen?
Sprossen und Microgreens sind für mich die wahren Superfoods. Soviel Nährstoffdichte für so wenig Geld bietet kaum ein anderes Nahrungsmittel.
Wenn man einem Samen optimale Wachstumsbedingungen bietet (Feuchtigkeit, Temperatur, Luft), fängt er an, auszusprossen und zu einem Keimling zu wachsen. Für diesen Wachstumsprozess braucht er Vitamine und Mineralien (wie Eisen, Zink und Magnesium), die im Samen gespeichert sind und in Komplexen mit Phytinsäure gebunden sicher verpackt sind. Durch den Keimprozess werden diese Komplexe aufgebrochen, da der Keimling ja jetzt diese Mineralien für sein Wachstum braucht und die Mineralien werden sozusagen aus diesen unlöslichen Komplexen „befreit“. Das bedeutet für uns Menschen, wenn wir diese gekeimten Samen essen, einen großen Vorteil: Wir können die darin befindlichen, „freien“ Mineralien besser aufnehmen als aus ungekeimten Samen, in denen Eisen, Zink usw. in unlöslichen Komplexen vorliegen. Das ist besonders für Menschen interessant, die sich vegan ernähren und ihren Bedarf an Eisen, Zink, Calcium, Magnesium usw. ausschließlich über pflanzliche Quellen decken. Das Problem, dass manche Nährstoffe aus pflanzlichen Nahrungsmitteln schlechter aufgenommen werden als aus tierischen, kann mit dem Keimen teilweise umgangen werden. Auch Einweichen, Kochen und Fermentieren helfen, die Bioverfügbarkeit von Nährstoffen zu erhöhen. Eine Kombination aus mehreren Methoden (z.B. Hülsenfrüchte, die erst eingeweicht, dann gekeimt und danach gekocht werden) ist optimal. Durch das Keimen werden nicht nur Mineralien besser verfügbar für den Körper, sondern es nimmt auch der Gehalt an diversen Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen zu.
Beim Keimen werden außerdem sogenannte Oligosaccharide abgebaut. Das sind Kohlenhydrate, die vor allem in Hülsenfrüchten vorkommen, unverdaut im Dickdarm landen und dort von Bakterien fermentiert werden. Dadurch können sie unangenehme Blähungen verursachen. Wer Hülsenfrüchte meidet aus Sorge vor Blähungen, dem empfehle ich, es mal mit einer kleinen Menge gekeimten (und danach gekochten) Linsen zu probieren.
Zudem stellen Sprossen eine kulinarische Bereicherung dar und das Keimen macht einfach Spaß; man kann sozusagen seinem eigenen Essen beim Wachsen zuschauen, was auch Kinder meist sehr fasziniert. Und da zum Beispiel gekeimte Hülsenfrüchte nur noch die Hälfte der normalen Kochzeit benötigen, kann man mit dem Keimen auch noch Energie und Geld sparen.

11. Welches sind deine drei Lieblings-Super Foods?
a) Brokkoli-Sprossen
b) gekeimte Leinsamen
c) gekeimte Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen, Kichererbsen)
Alle 3 sind wahre Nährstoffbomben, können zudem alle regional bezogen werden und sind auch Superfood für den Geldbeutel.

12. Welches Buch oder Dokumentation kannst du empfehlen?
Ich liebe das Buch „Beyond Beliefs“ von Melanie Joy. Sie ist Psychologin und hat unter anderem auch das Buch „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ geschrieben. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Verbesserung der Kommunikation zwischen Veganern und Nicht-Veganern.

13. Wann hast du das letzte Mal bemerkt, dass sich deine Meinung zu einem Thema so richtig geändert hat?
Ich habe lange Zeit Dinge danach beurteilt, ob sie „natürlich“ (und damit, so dachte ich damals, „gut“) sind oder „unnatürlich“ (und damit „schlecht“). Das war auch ein wichtiger Grund dafür, warum ich nicht schon früher vegan wurde. Ich war lange Zeit davon überzeugt, dass eine Ernährungsweise niemals gesund sein könne, wenn man so was „unnatürliches“ wie ein Vitamin B12-Präparat zu sich nehmen muss. Irgendwann bin ich aber dann mal über den „appeal to nature logical fallacy“ gestolpert und habe realisiert, dass es sich bei diesem Konstrukt „natürlich = gut, unnatürlich = schlecht“ um einen logischen Denkfehler handelt. Ein Beispiel: Die Tollkirsche ist etwas sehr Natürliches. Sie ist aber alles andere als gut für uns. Auch das Bakterium, das Tetanus auslöst, ist natürlich. Aber eben nicht gut für uns. Impfungen und Kaiserschnitte sind unnatürlich, aber können Menschenleben retten. Vitamin B12 haben wir früher unter anderem über Vitamin B12-produzierende Mikroorganismen im Wasser aufgenommen. Heute ist unser Trinkwasser hygienisch aufbereitet. Dadurch sind wir vor Krankheiten wie Cholera geschützt, bekommen aber eben kein Vitamin B12 mehr über das Trinkwasser. Ich möchte trotzdem nicht auf sauberes Wasser verzichten und nehme gerne dafür ein Vitamin B12-Präparat ein. Als mir diese Zusammenhänge bewusst wurden, hat sich meine Meinung zu einigen Themen grundlegend geändert.

14. Was denkst du ist der Schlüssel für ein gesundes Leben?
Ich denke, erfüllende soziale Kontakte und ausreichend Schlaf sind die Basis. Zudem eine bestmögliche Reduktion von „Distress“, also von krankmachendem Stress und ausreichend gesunder Stress, also „Eustress“, der entsteht, wenn man gefordert, aber nicht überfordert wird und das macht, was einem das Gefühl von Sinnhaftigkeit, Erfüllung und Glück gibt. Und nicht zuletzt natürlich eine ausgewogene, leckere, Ernährung und viel Bewegung in der freien Natur.

Ähnliche Artikel

App Creator
Carolin Wiedmann ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Ernährungsmedizin. Seit Jahren beschäftigt sich Carolin mit gesunder, veganer Ernährung im Kindesalter.
App Creator
Kurzportrait des Unternehmers und des Models André Feulner
App Creator
Mimi Bouchard ist Meditations- und Motivationscoach und konnte schon Tausenden von Frauen helfen, ihr Leben zu verändern.
App Creator
Interview mit US Model und Influencerin Sophia Culpo